Interview mit Florian Reischauer von Pieces of Berlin

Florian Reischauer fotografiert seit 2010 das alltägliche Berliner Leben für seinen Blog Pieces of Berlin. Er dokumentiert den heranschleichenden Turbokapitalismus und die Veränderung des Berliner Stadtbildes, die er seit fünf Jahren fasziniert beobachtet. Im Mittelpunkt aber stehen die Einwohner: Urberliner wie zum Beispiel die 91 Jahre alte Rentnerin Alma oder Zugezogene wie der in Neukölln lebende Simon. Studenten und Greise – alle werden von Florian mit seiner Analogkamera verewigt und zu ihren Vorlieben sowie Abneigungen, was die Hauptstadt betrifft, befragt.

Wie bist du auf die Idee gekommen, den Berliner Alltag fotografisch zu dokumentieren?

Florian: Ich wohne seit 2007 in Berlin und von Anfang an war meine Kamera mein Wegbegleiter. Vieles war neu hier für mich und hat mich fasziniert, wie zum Beispiel die vielen urbanen Wastelands. Ich habe dann schnell gemerkt, wie rasant sich die Stadt verändert, eben solche Brachflächen verschwinden und dem Kapital leider weichen müssen. Die Veränderungen zu dokumentieren ist die eine Geschichte, zum anderen geht es aber um die Menschen, die mich interessieren und die Stadt ja ausmachen. Da ist Berlin natürlich besonders, weil es ein Konglomerat aus unzähligen, kleinen Dörfern ist, das als Ganzes eine Metropole ergibt. Jede Ecke ist irgendwie anders, hat einen anderen Charme, eine andere Demographie.

Du schaffst es mit deinen Bildern dem Gewohnten eine aufregende und schöne Gestalt zu geben. Was genau findest du so interessant am Alltäglichen?

Florian: Ich denke, es geht eigentlich darum das Gewohnte nicht einfach so hinzunehmen; quasi die vielen Leute, die einem tagtäglich über den Weg laufen auch wahrzunehmen und sein ganzes Umfeld genauer zu betrachten und wertzuschätzen. Jeder ist ein gleiches Teil des Ganzen. Die Leute stehen bei Pieces of Berlin im Mittelpunkt und schildern ihre Sicht über die Stadt.

Was genau fasziniert dich an dieser Stadt und ihren Einwohnern so sehr?

Florian: Jede Ecke hat seine Besonderheit. Vor Kurzem war ich am Kleistpark fotografieren. Da hast du an einer Ecke den Winterfeldplatz, wo eher gutbürgerliche Leute wohnen, aber auch eine Rockerkneipe, wo es am helllichten Tag mal zu einer Rauferei kommt. Jeder Kiez hat seine Eigenheiten und die Leute erzählen die Geschichten dazu.

Wie hat sich für dich unsere Hauptstadt in den letzten Jahren verändert? Findest du, dass diese Veränderungen positiv oder negativ ausfallen?

Florian: Ich kann nur die letzten fünf Jahre beurteilen und da fällt das Urteil leider eher traurig aus. Die Stadt hat sich natürlich enorm verändert. Das Thema Gentrifizierung ist in aller Munde. Berlin läuft meiner Meinung nach Gefahr, dass sie zu einer allglatten Stadt wie jede andere verkommt. Die Ecken und Kanten werden alle geschliffen und sauber gemacht. Vieles, was so speziell und anders hier war, verschwindet. Freiräume und alternatives Leben werden leider bald Geschichte sein. Das finde ich wahnsinnig traurig.

Was lieben und was stört die meisten an Berlin, die du fotografierst?

Florian: Die meisten lieben es, dass immer was los ist, dass die ganze Welt hier wohnt sowie die Parks und die Seen rundherum. Die Gentrifizierung, Wohnungsnot, steigende Mieten, der Hundekot und der BVG bringen bei den Meisten das Blut zum kochen.

Mehr könnt ihr auf Florians Blog Pieces of Berlin und unter www.facebook.com/Pieces.of.Berlin erfahren.