Interview: Gonzales’ poetische Weltsicht

Ob Rapper, Komponist, Produzent, Weltrekordhalter des längsten Solo-Piano-Konzertes (300 Musikstücke vor 120 Zuschauern in 27 Stunden, 3 Minuten, 44 Sekunden) oder Schauspieler – Jason Beck scheint sich im Sekundentakt neu zu erfinden. Dabei begeistert er sein Publikum regelmäßig mit einer Melange aus Humor und unerschöpflichem Einfallsreichtum. Nicht mal ein Jahr nach seinem Mammutprojekt “Ivory Tower“ erscheint nun das neue Werk des selbsternannten “hardest working man in music business“: Auf seinem Rap-Album „The Unspeakable“ tauscht der Kanadische Sprachjongleur fette Beats gegen dramatisches Kammerorchester. Zur musikalischen Unterstützung hat er sich diesmal seinen Bruder Christophe Beck, seines Zeichens Filmkomponist in glamorous Hollywood, ins Boot geholt. Zum Interview tritt der Exil-Kanadier aber allein an.

Ich war sehr erfreut, als du das Café Morgenland für unseren Interviewtermin vorgeschlagen hast. Schließlich hat es sich schon seit vielen Jahren als guter Ort zum Brunchen etabliert. Warst du oft hier, als du vier Jahre in Berlin wohntest?

Ich wohne im Moment nur wenige Meter von hier entfernt und wollte etwas, dass in der Nähe ist. Peaches und Mocky haben hier ihre Studios. Mit Mocky probe ich gerade nebenan für mein anstehendes Konzert in London.

Wirst du dort auch Songs deines neuen Albums präsentieren?

Zumindest einige von ihnen. Allerdings ohne das Orchester. Das Programm entspricht eher einer Mischung aus neuen Songs und meiner Big Band Show vom Berlin Festival im letztem Sommer mit der Ivory Tower Double Penetration Band. Das heißt die tonangebenden Instrumente werden jeweils in doppelter Ausführung aufgestellt. Es gibt eine großartige Version von “You can dance“. Mit Backup Sängern, Violinen und allem was dazu gehört. Am Ende wird es eine große ’Disco Extravaganza’ geben!

Wo hältst du dich noch gerne auf wenn du in Berlin bist?

Eines meiner liebsten Hotels ist früher das Lux 11 gewesen – bis mir dort mein Computer gestohlen wurde und das Personal alles andere als hilfsbereit war. (Anm. des Verfassers: Ich habe Chilly versprochen folgenden Abschnitt in Großbuchstaben zu veröffentlichen) › LUX 11 SIND NICHT SEHR RESPEKTVOLL UND LOYAL ZU IHREN GÄSTEN. ICH BLIEB DORT MINDESTENS 40-50 NÄCHTE IM JAHR ÜBER VIELE JAHRE UND WAR GESCHOCKT VOM MANGEL DES KUNDENSERVICE NACH DIESEM TRAUMATISIERENDEN ERLEBNIS. ICH BIN EINE PERSON DES ÖFFENTLICHEN LEBENS UND HABE DURCHAUS DIE MÖGLICHKEIT MEINEN FANS MITZUTEILEN, DASS DAS LUX 11 NETTER IM UMGANG MIT SEINEN GÄSTEN SEIN SOLLTE. ICH BIN KAPITALIST, ICH GLAUBE AN KUNDENSERVICE.‹

Während meiner vier Jahre in Berlin, wohnte ich auf der Torstraße am Rosenthaler Platz. Wenn ich jemals wieder hierher ziehen sollte, würde ich mich für eine Wohnung in Mitte entscheiden. Durch Mitte habe ich mich erst in Berlin verliebt und der Kiez wird auch weiterhin meine erste große Liebe bleiben. ›I’m still a Mitte-believer!‹

Du hast in den letzten Jahren in Berlin und London gelebt, bist dann nach Paris gezogen. Bist Du endlich angekommen?

Nein, ich bin tatsächlich wieder bereit für den nächsten Tapetenwechsel. Allerdings habe ich noch nicht die Zeit gehabt, um mir zu überlegen wie ich das anstelle. Es gibt unzählige Orte dieser Welt, wo ich mir vorstellen könnte zu leben. Wenn ich unterwegs bin, bleibe ich oft mehrere Wochen in einer Stadt. Da fängt man schon mal an darüber zu fantasieren, wie es wohl wäre eben genau dort zu wohnen. Jedes Mal wenn ich in Sidney bin, male ich mir aus, wie wohl ein Leben dort sein würde. Auf jeden Fall wird meine nächste Wahl auf ein Land englischer Sprache fallen.

2000 ist dein erstes Album erschienen. Nur elf Jahre später steht nun mit “The unspeakable Chilly Gonzales“ bereits deine achte Platte in den Startlöchern. Nebenbei noch Songwriting und Produzieren für Peaches, Mocky, Tiga, Jamie Lidell, Feist etc. Wie schaffst du das zeitlich?

Das Geheimnis steckt in meinem tollen Team, dass mir dabei hilft meine Zeit richtig zu nutzen. Der Support meiner Musikerfamilie spielt eine erhebliche Rolle. Niemand könnte das was ich tue alleine schaffen. Das klappt bloß weil ich meinen Leuten blind vertrauen- und mir vieles abnehmen lassen kann. Sowohl geschäftlich als auch musikalisch.
“Ivory Tower“ wurde komplett von Boys Noize produziert – das neue Album von meinem Bruder. Nach “Soft Power“ habe ich beschlossen die Arbeit an meinen zukünftigen Alben aufzuteilen um härter aber effizienter arbeiten zu können. Nur muss ich dabei die richtigen Entscheidungen treffen, wen ich beim Entstehungsprozess welchen Part übernehmen lasse.
Ich arbeite gerne schnell. Ich liebe es im Studio erst den kreativen Funken zu finden und das Stück dann jemand anderen vollenden zu lassen. Wenn ich mit Tiga an ein paar Songs für sein Album arbeite zum Beispiel. Ich liebe es, großartigen Künstlern den Sound zu kreieren, der ihren Vorstellungen entspricht und sich mit unseren gemeinsamen Songs vom Grundton der restlichen Platte abzuheben.

Die Zusammenarbeit mit Feist brachte dir 2007 sogar eine Grammy Award Nominierung…

Feist erhielt diese Nominierung. Sie verdient es, weil sie das Produkt Feist genau auf den Punkt bringen konnte. Als Produzent des Jahres bin ich nicht nominiert gewesen. Es war nur eine Nominierung für ein Album, die die Leute, die es produzierten, beinhaltete. Ein iPad Werbespot oder von Daft Punk nach einem Remix gefragt zu werden, befriedigt mein Ego dann schon eher. Erst vor wenigen Wochen hatte ich zum Beispiel die Gelegenheit mit Drake zusammenzuarbeiten.

Soweit ich weiß, benutzte Drake den Song “The Tourist“ aus deinem ‚Solo Piano’ Album am Ende seines “So Far Gone“-Mixtapes, ohne dich namentlich zu erwähnen!?

So haben wir uns kennengelernt. Er war so nett mich in seine Welt einzuladen. Sein Manager war auf meiner Show und sagte, dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten würden. Erst haben wir es über lange Distanz versucht, doch das wollte einfach nicht funktionieren und war echt frustrierend. Neulich war ich dann in L.A..
Drake war auch Moderator der Junos, die so in etwa die Kanadische Antwort auf die Grammys sind. Ich befand mich gerade auf dem Weg in die Heimat, als man mich fragte, ob ich ihn nicht zum Eröffnungs-Sketch auf dem Piano begleiten wollte. Danach sind wir ins Studio und haben endlich angefangen zusammen Musik zu machen. Es war ein sehr großer, bedeutender Moment für mich, endlich der exklusiven Elitewelt des Raps, die ich so verehre, so nahe sein zu können.

Gonz wie wir ihn kennen und lieben

Dein letztes Album “Ivory Tower” war sehr poppig und eingängig. “The unspeakable Chilly Gonzales” hingegen klingt wieder komplexer, gar dramatisch. Begleitet von einem Orchester lässt diese Platte durch seine Monologe mehr von dir erkennen als jemals zuvor. Eine Konsequenz woraus?

Ich habe erkannt, was ich damals mit “Soft Power“ falsch – und was wir bei “Ivory Tower“ richtig gemacht haben. Es scheint als würde man mich lieber kämpfend als auf der sicheren Seite sehen wollen. Meine Fans wollen keinen glattgebügelten Chilly. Sie wollen mehr von meiner übertriebenen Wahrheit hören. Je mehr ich übertreibe, desto mehr scheinen sich die Leute damit verbunden zu fühlen. Also wollte ich mich wieder dem Rap widmen, um all die Dinge zu sagen, die ich sagen wollte.
Ich hatte Zugang zu einer tollen musikalischen Ausbildung. Ich hatte fantastische Lehrer, lernte die verschiedensten Instrumente zu spielen und die klassische Welt der Musik zu schätzen. Etwas, wozu andere Rapper vielleicht nicht in der Lage waren und genau deshalb anfingen mit Samples oder Turntables zu arbeiten. Ich musste es also authentisch und auf meine Art tun. Welche Form des Raps würde ein Kind aus reichem Elternhaus, dass ein musikalisches Genie ist, also machen? Womöglich etwas mit einem Orchester. “The Unspeakable“ ist eindeutig ein Album für die Leute, die schon Fans meiner Musik sind. Schwer vorstellbar was jemand, der vorher noch nie von mir gehört hat von dem Album denken wird. Es muss auf jeden Fall ziemlich merkwürdig sein.

War es das erste Mal, dass du musikalisch mit deinem Bruder, dem Hollywood Filmkomponisten Christophe Beck, zusammengearbeitet hast? Wie war die Zusammenarbeit für dich?

Wir waren die meiste Zeit nicht im selben Raum, erst am Ende der Aufnahmen. Dennoch war es eine einmalige Erfahrung. Er nahm einen bedeutenden Einfluss auf den Klang des Albums. Ich hab ihm nur sehr wenig gegeben, während er das gesamte Fake-Orchester programmiert- und eingespielt hat. Dazu ist wohl nur ein Filmkomponist in der Lage. Wir haben vorher ein paar Tests mit richtigen Musikern gemacht, doch es wollte einfach nicht stimmen. Mit der Fähigkeit die synthetischen Instrumente kontrollieren zu können, klang das ganze viel intensiver und mehr nach Rap, obwohl es gar keine Beats gibt.
Der Grund, weshalb ich ein Orchester wollte, ist weniger eine musikalische- als eine konzeptionelle Wahl. Dadurch wird meine Musik weniger als regulärer Rap gesehen. Ohne Beats wird Sprechgesang ganz anders wahrgenommen. Einige werden sagen, dass es bloß eine Kombination aus Rap und gesprochenen Wörtern ist, doch ich hoffe es geht tiefer als das. Natürlich gibt es wieder viel Humor, doch du wirst nicht einen Joke finden, der sich nicht auf das eigentliche Thema des Songs bezieht.

Wenn man wie du mit so vielen Menschen zusammenarbeitet, hat man dann keine Angst Kontrolle abzugeben?

Nicht mehr. Wenn ich noch immer der Kontrollfreak wäre, der ich 15 Jahre lang gewesen bin, würde wohl etwas nicht mit mir stimmen. Man kann nicht wachsen, wenn man alles kontrolliert. Einsteigern empfehle ich zwar, zunächst selbst jegliche Kontrolle zu übernehmen, doch nur damit man später schlauer ist, wenn es darum geht eigene Leute einzustellen. Drei Jahre später, wenn man dann den Plattendeal in der Tasche hat, trifft man bei der Wahl des Studios oder der Produzenten bessere Entscheidungen.
Inzwischen kann ich die Aufnahmen von Boys Noize oder meinem Bruder betreuen, ohne dass mein Ego involviert ist. Ich entscheide nicht welche Snare Drum wann eingesetzt werden soll, sondern treffe die Entscheidung wer sie einsetzen wird. Das ist viel effizienter.

Es gibt nicht viele Künstler, die den Titel ›Meister aller Klassen‹ so verdient haben wie du. Könntest du dir vorstellen ein weiteres Mal das Drehbuch oder den Soundtrack eines Films zu schreiben?

Vorstellen kann ich mir alles. Das letzte Mal war gut, doch ich bin jetzt nicht in Eile das Ganze nochmal zu tun. Helge Schneider hat mir dazu geraten, meine Autobiographie zu schreiben bevor ich 40 bin, da man mit 50 bereits zu vergesslich ist. Er glaubt, dass mein Leben aufregend genug gewesen sei, um meine erste Autobiographie herauszubringen. Neulich erst hat er mir eine SMS geschickt. Ich fragte ihn ob er in der Stadt sei und er ermahnte mich ein weiteres Mal meine Memoiren zu schreiben. Er gibt einfach nicht nach und ich glaube, das könnte mein nächstes Projekt werden.

Nachdem du Partytier und Hedonismus-Philosophen Andrew WK zum Klavierduell herausgefordert (und geschlagen) hast, scheinst du mit Helge jemanden gefunden zu haben, der dir gleichauf ist!

Ich halte ihn eindeutig für den besseren Musiker und Entertainer. Ich bin bloß ein bisschen verrückter, jünger und vielleicht internationaler. Das sind die einzigen Vorteile die ich habe. Wenn er bloß mal richtig gegen mich antreten und sich beweisen würde. Ich habe Helge provoziert, doch er ist nicht darauf eingegangen weil er das Ganze sehr leicht nahm. Zwei Tage vor der Show schlug er vor einen Anfang und ein Ende festzulegen, ohne es überhaupt zu einer Konversation kommen zu lassen. Seine Obsession mit Jazz ist wie meine Begeisterung für den Rap.

Das schreit doch geradezu nach einer Revanche…

Es gibt den losen Plan die Wiederholung in einem etwas gefährlicheren Club stattfinden zu lassen. Der Golden Pudel Club in Hamburg würde sich hervorragend für den Rückkampf eignen. Ein kleiner Austragungsort, wo es sehr schnell mal richtig eng, schwitzig und klaustrophobisch werden kann. Das Problem in Duisburg war, dass er das ganze ziemlich auf die leichte Schulter genommen hat und im Ruhrpott als Held gefeiert wird. Inzwischen sind wir Freunde und ich kenne ihn ganz gut. Ich weiß also, wie ich ihn aus der Fassung bringen kann. Beim nächsten Battle werdet ihr das Tier zum Vorschein kommen sehen!

“The Unspeakable“ von Chilly Gonzales ist ab dem 10. Juni 2011 im Handel erhältlich!

Chilly Gonzales – The Unspeakable Chilly Gonzales Medley by jUjU