Ein Interview mit Künstlerin Michaela Meise

Wie so viele Kreative in Berlin stammt auch Michaela Meise ursprünglich nicht von hier, sondern wurde 1976 in Hanau geboren. Ihre Karriere, wenn man bei einer Künstlerin überhaupt von so etwas sprechen kann, nahm Ende der 90er Jahre ihren Lauf und führte sie immer wieder in die Berliner Galerie Johann König, wo sie zuletzt mit “Lachende Steine” vertreten war. Mit Ausstellungen in Städten wie Oslo, Brüssel, Athen und New York hat sie gleichzeitig auch den Sprung auf das internationale Kunstparkett geschafft.

Seit über 5 Jahren widmet sie sich parallel zu dieser Arbeit auch immer wieder einer zweiten Leidenschaft neben der Kunst, nämlich der Musik. Da sie zur Zeit ohnehin in Berlin lebt und hier die jungen Bildhauer an der Universität der Künste unterrichtet, haben wir mit ihr über ihr soeben bei Clouds Hill Records erschienenes Solo-Debutalbum gesprochen. “Preis dem Todesüberwinder” ist eine ungewöhnliche Platte. Wann bekommt man schließlich schon mal alte katholische Kirchenlieder im Pop-Kontext aufgetischt?

DAS INTERVIEW

Mitteschön: Für mich ist “Preis dem Todesüberwinder” in vielerlei Hinsicht ein besonderes Album. Was zeichnet es in Ihren Augen vor allem aus?
MM: Das ist für mich schwer zu sagen, was das Album auszeichnet. Da bin ich vielleicht zu nah dran. Mich hat gefreut, daß Thies Mynther und Clouds Hill Recordings den persönlichen und simplen Stil unterstützten wollte. Das hat sich genauso fortgesetzt bei den Künstlern, die das Cover gestaltet haben, bis hin zum englischen Übersetzer der Texte. Es ist alles ziemlich einfach, aber dafür auch ganz genau so und nicht anders.

Mitteschön: Wann und wie ist die Idee für dieses musikalische Projekt entstanden?
MM: Ich bin zum ersten Mal seit Jahren wieder in den katholischen Gottesdienst gegangen, recht regelmäßig über einen längeren Zeitraum. Und dort wurde ich immer mal wieder überrascht von den Melodien oder Texten. Morgens um neun Uhr in einer kleinen Berliner Kirchengemeinde zu sitzen mit alten oder einsamen Menschen und wir singen gemeinsam „Nimm hin mein Herz, Herr Jesu Christ, Dein Herz für mich durchstochen ist“, das war manchmal grotesk und manchmal sehr anrührend. Ich habe dann meine Lieblingslieder gesammelt und angefangen, sie zuhause auf dem Akkordeon zu spielen. Davon ist im Laufe der Zeit über die Hälfte rausgefallen und durch andere ersetzt worden. Es war ein längerer Gärungsprozess bis diese Zusammenstellung herauskam. Ich wollte zunächst einfach eine CD aufnehmen und irgendwie selbstorganisiert verkaufen. Recht spontan wurde ich darin unterstützt von Freunden, später wurde daraus die Zusammenarbeit mit Clouds Hill Ltd.

Mitteschön: Und: Wieviel Zeit verging dann von der ersten Idee bis zum fertigen Album?
MM: Der Prozess hat ungefähr zwei Jahre gedauert, davon eineinhalb Jahre Üben und Singen. Die Aufnahmen selbst fanden an zwei Tagen statt.

Mitteschön: Laufen parallel noch andere Musikprojekte (weiter)? Oder lösen Ihre Projekte – sei es in der Kunst oder der Musik – einander immer in bestimmten Intervallen ab?
MM: Die Musikprojekte, die ich bislang gemacht habe, liefen immer parallel zu meinen Aktivitäten als Künstlerin. Man kann es wirklich im besten Sinn als Hobby bezeichnen. An allererster Stelle steht da für mich das Album „Songs of Nico“, das ich 2005 zusammen mit Sergej Jensen realisiert habe. Sergej hat die ganze Zeit schon Musik gemacht und durch ihn habe ich erst wieder angefangen, Akkkordeon zu spielen und es mir überhaupt neu zu erarbeiten. Außerdem haben wir beide auch mit Henning Bohl dessen „Exilantinnen Songbook“ aufgeführt. Dann hatte ich Gastauftritte als Sängerin bei Phantom/Ghost und Tocotronic.

Mitteschön: In welchem Umfeld ist die Platte entstanden? Was waren wichtige Wegbereiter, um das Projekt zu ermöglichen?
MM: Erste Impulse für das Projekt kamen von Sergej Jensen, Dirk von Lowtzow und David Lieske. Als ich irgendwann Thies Mynther von meinem Vorhaben erzählt habe, hat er das Projekt ganz konkret unterstützt, indem er die Tonaufnahmen im Studio vermittelt und fortlaufend begleitet hat. Bei den Aufnahmen waren wir zu dritt: ich, Thies und Johann Scheerer von Clouds Hill Recordings. Und ein Hund. Das war auch sehr angenehm für mich. Zwischendurch sind wir mit dem Hund spazieren gegangen. Das war eine vertrauensvolle Athmosphäre, in der man sich zwischendurch sehr über die Lieder amüsieren konnte.

Mitteschön: Wodurch zeichnen sich die drei Gastmusiker auf der Platte aus? Weshalb wurden sie für die jeweiligen Songs ausgewählt?
MM: Bei Dirk von Lowtzows Auftritt handelt es sich gewissermaßen um eine Revanche. Er hatte mich vorher zu einigen Gastbeiträgen eingeladen, und im Gegenzug musste er jetzt singen, egal was es sein würde. Der Texter des Liedes „Preis dem Todesüberwinder“ aus dem 19. Jahrundert heißt mit Nachnamen Klopstock. Klopstock – Lowtzow, das war nahe liegend. Zusätzlich wollte ich gerne, daß zwei Freundinnen mitsingen, die ebenso wie ich nebenbei Musik machen. Sonja Cvitkovic hat ansonsten Auftritte mit eigenen Klavierimprovisationen und Anna Voswinckel singt im Berliner Mendelssohn Kammer Chor.

Mitteschön: Wird es Live-Auftritte geben? Wenn ja: Wo und wann?!
MM: Demnächst wird es einen Auftritt geben, den möchte ich aber noch nicht hier ankündigen. Mal sehen, ob ich das dann noch wiederhole. Das wird von meinen Nerven abhängen.

Mitteschön: Ganz andere Front: Wie läuft Ihre Arbeit an der UdK? Woran genau arbeiten sie mit den Studenten gerade?
MM: Die Studentinnen und Studenten sind ein Traum. Ich setzte mich immer nur dazu und dann wird stundenlang geredet. In der Vorbereitung hatte ich eine Filmreihe für Bildhauer zusammengestellt. Die Filme sind unterschiedlich gut, aber meiner Meinung nach gehen sie einen alle an. Die meisten der Filme haben mit der deutschen Geschichte oder mit dem Ort „Berlin“ zu tun. Ein Film von Helke Sander spielt 1976 in Kreuzberg, dann gibt es die DEFA-Produktionen „Die Hostess“ und „Die Architekten“. Und Filme, die Räume thematisieren, wie Dario Argentos „Tenebrae“ oder Jacques Tatis „Play Time“.

In “Preis dem Todesüberwinder” reinhören.

Bild | www.cloudshill-ltd.com
Text | Eugen Braeunig