Metropolen im Vergleich

Travels # 5

Marco Polo, Humboldt und Co.

Ich besitze einen alten Marco Polo Berlin-Reiseführer in dessen Einleitungstext man gleich lesen kann “…es gibt urbanere, aber auch härtere Metropolen: New York sicherlich…”. Berlin hatte lange Zeit den Ruf gar keine richtige Großstadt zu sein. Nicht sooo schön, nicht so extrem in vielerlei Hinsicht – und doch hat die Geschichte all diese Vorurteile längst überholt. Wenn uns Daniel Kehlmann in “Die Vermessung der Welt” von einem Berlin zu Humoldts Zeiten erzählt, ist das wie die Erzählung von einer anderen Stadt. Sehr ähnlich geht es mir heute auch, wenn ich versuche meinen wesentlich jüngeren Geschwistern zu erklären, warum da denn einst eine Mauer durch Berlin ging und wieso diese eben jetzt nicht mehr da ist.

Hahnenkampf der Millionenstädte

Doch auch ohne sich diesen geschichtlichen Kontext andauernd vor Augen zu führen, kann Berlin im Wettstreit der Metropolen durchaus mithalten (oh man, wie lächerlich das klingt). Es geht natürlich nicht um die höchsten Gebäude und  Einwohnerzahlen. Viel mehr um ein bestimmtes Lebensgefühl, dass Städte von Welt nun mal so an sich haben. Überall von geschäftigem Treiben und fleißigen, lebensfreudigen Menschen mit klugen und unkonventionellen Ideen umgeben zu sein – dass wäre das Erste, was mir einfallen würde, sollte ich dieses Flair des urbanen Lebens versuchen in Worte zu fassen.

Gegensätze ziehen sich an

Ich glaube, es war sogar die New York Times, in der ich einmal las, dass Berlin sehr stark dem New York der 80er Jahre ähnele. Ich mag diese Aussage sehr, da sie sich in meinen Augen wirklich stets und ständig bewahrheitet. Natürlich tut die Mode im Augenblick ihr Möglichstes um die 80er wieder aus dem Jenseits zurückzuholen. Doch in erster Linie ist gar nicht mal das gemeint: Im Zentrum der Aussage steht viel mehr, dass Berlin auch 20 Jahre nach der Post-Wende-Selbstbedienungs-Phase noch ein Hort der Freiheit und Andersartigkeit ist. Hier kommt vielleicht die Größe wieder ins Spiel: New York leidet insofern darunter, als dass bei vollumfänglicher Freiheit bestimmt zahlreiche Sicherheitsfragen in der Stadt der Terrorangriffe des 11. Septembers vernachlässigt werden müssten.

Doch noch vor gut 20 Jahren sah die Welt im Big Apple natürlich auch ganz anders aus. Zu Zeiten Warhols und seiner Factory war New York avantgardistischer als heute, kein Zweifel. Doch der Austausch zwischen den beiden Städten wird seit dem Fall des Eisernen Vorhangs von Jahr zu Jahr wieder reger und intensiver. Berlin und New York sind wie zwei kontinentale Platten, die sich aufeinander zu bewegen. Und doch gentrifiziert sich Berlin genauso langsam wie sich New York von seinem Terrorschock wieder erholt. An der Oberfläche ist alles gut. Veränderungen kommen schleichend.

Paranoia und Zügellosigkeit

Während in Berlin bereits Bücher über die wilden Eskapaden in Nachtclubs wie dem erst seit 7 Jahren existierenden Berghain geschrieben werden, wird man in New York inzwischen um 4 Uhr morgens aus jedem normalen Club rausgeworfen. Dass die Stadt, die niemals schläft, inzwischen fast schon eine Art Sperrstunde etabliert hat, wo sich in Berlin schon alles auf die After Hour freut, ist nur eins von vielen Beispielen, welche die zur Neurose verkommenen Ängste der Amerikaner einmal ganz plastisch machen. Trotzdem ist New York eine fantastische Stadt und mit seinen unzähligen Neighbourhoods dem Berliner Kiezleben durchaus sehr ähnlich.

In den kommenden 3 Folgen unsere Reiseausgabe “Travels” werden wir mit dem East Village und dem Meatpacking District einmal Manhattans hippe Ecken erkunden und mit SoHo noch einen Abstecher in einen Szenebezirk machen, der eigentlich keiner mehr sein will.

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text & photos by Eugen Braeunig